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Sinah Donhauser
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Nachrichten aus Paderborn und Höxter

Tatort: Die Pfalz von oben

Ein junger Polizist wird getötet, doch seine Kollegen ermitteln nur unwillig. In ihrem 30. Dienstjahr muss TV-Kommissarin Odenthal gegen korrupte Beamte vorgehen.

TV-Tipp

Ludwigshafen (dpa) - Der Mann ist verloren - das ist in der bitteren Jubiläumsfolge der dienstältesten «Tatort»-Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) schon in der ersten Szene klar.

Mit strähnigem Haar und einer Plastiktüte voller Dosenbier stapft Polizist Stefan Tries (Ben Becker) durch den Regen, irgendwo in der pfälzischen Provinz. Es ist der Beginn eines Dramas über enttäuschte Liebe, Korruption und Einsamkeit. Am Ende stehen alle vor den Trümmern ihrer Träume.

«Die Pfalz von oben» heißt der «Tatort», den das Erste am Sonntag (17.11.) um 20.15 Uhr ausstrahlt. Regisseurin Brigitte Bertele inszeniert den Krimi zum 30. Geburtstag des «Lena-Odenthal»-Formats als kompromisslose Abrechnung mit Lebenslügen. Es ist auch die mit Spannung erwartete Fortsetzung eines Stücks Fernsehgeschichte. Der erste Teil «Tod im Häcksler» löste 1991 Proteste aus: Viele Pfälzer sahen sich in der Darstellung von Dorfbewohnern, die Hetzjagd machten auf einen rumänischen Spätaussiedler, diffamiert.

Nun also Teil 2. Nach 28 Jahren, einer halben Ewigkeit, ist es ein packendes Wiedersehen. Beim skandalumwitterten «Tod im Häcksler» standen Folkerts und Becker am Anfang ihrer Karrieren. Heute sind sie etablierte Profis. «Ich habe mir natürlich den Film von vor 28 Jahren angeschaut, da sind wir jung, schön - und sehr süß. Wir waren so schlimm verknallt damals», sagte Folkerts am Rande der Dreharbeiten.

In ihrem 70. Fall ermittelt die Kommissarin im fiktiven Dorf Zarten zum Tod eines jungen Kollegen. Dort trifft sie auf einen einst sehr Vertrauten: den Polizisten Tries (Becker). Aus dem energiegeladenen Ordnungshüter ist ein gealterter Provinz-Sheriff geworden. Es ist eine ziemlich traurige Begegnung, auf einem feuchten Hügel über Zarten. Tries ist durch kleine Geschenke erpressbar geworden, schaut seit Jahren bei Straftaten weg, zermalmt Schmerztabletten mit der Bierflasche und zieht das Pulver dann wie Kokain durch die Nase.

Becker spielt Tries als innerlich und äußerlich verwundeten Mann. «Ich habe ein Gästezimmer» lautet ein unbeholfener Versuch der Wiederannäherung an den früheren Schwarm Odenthal. Die Szene, in der Folkerts und Becker wie 1991 zur Bob-Dylan-Ballade «Lay Lady Lay» tanzen, gehört zu den stärksten Momenten des Films. Wie Ertrinkende klammern sich die beiden Einsamen aneinander. Doch die wiederaufflammende Liebe hält nur eine Schallplattenseite lang. Die Zeit bleibt eben nicht stehen, auch nicht im «Tatort» aus der Pfalz.

«Wieder mit Ben Becker zu spielen, war für mich ein Geschenk, das funktioniert einfach, da stimmt die Chemie, da funkelt und blitzt es», schwärmt Folkerts. Auch Becker sagt: «Mir hat`s Freude bereitet, den Faden wieder aufzunehmen. Wir haben beide ein bisschen geweint.»

Nicht immer ist die Geschichte von Stefan Dähnert, der schon 1991 das Drehbuch schrieb, ganz schlüssig. Aber die Story ist diesmal nicht das Wichtigste. Die Figuren tragen diesen Film, neben dem kongenialen Duo Folkerts/Becker sind es Jana McKinnon als junge Witwe sowie Maria Dragus und Thomas Loibl als Polizisten. Lisa Bitter als Folkerts` Kollegin Johanna Stern agiert gewohnt routiniert. Kameramann Jürgen Carle malt starke Landschaftsbilder fast wie im Wilden Westen. Windräder wirken wie in Texas und Bauernhöfe wie eine Ranch. «Ich schieße aus der Hüfte wie John Wayne», sagt «Sheriff» Becker einmal.

30 Jahre Lena Odenthal: «Wer nicht das Dienstalter, sondern das Auftreten von Ulrike Folkerts zugrunde legt, trifft auf ein junges Temperament», sagt SWR-Redaktionsleiter Ulrich Herrmann im Presseheft zum Film. Und was meint die 58-Jährige selbst? Rückt nach 30 Jahren die Rente für die dienstälteste «Tatort»-Kommissarin näher?

«Ich denke, ich werde mir ganz genau überlegen, wann ich aufhören möchte, und werde mir einen ganz besonderen Ausstiegs-"Tatort" schreiben lassen», sagte Folkerts im Februar bei der SWR-Jahrespressekonferenz. «So lange ich rennen kann und schießen kann, werde ich diese Lena Odenthal gerne weiter spielen.»