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Fiona Keimeier
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Nachrichten aus Paderborn und Höxter

«Wild Rose»: Die tiefe schottische Seele der Country-Musik

Rose-Lynn aus Glasgow hat nichts anderes im Kopf, als eine Karriere als Country-Sängerin im US-amerikanischen Nashville zu machen. Sie hat eine atemberaubende Stimme.

Starke Emotionen

London (dpa) - Eine junge Frau mit langen roten Haaren kommt aus einem Musikclub im schottischen Glasgow gestürmt. Sie trägt weiße Cowgirlstiefel und eine passende Lederjacke mit Fransen an den Ärmeln.

Sie flucht und schleudert eine Bierflasche gegen die Fassade. Gerade hat sie erfahren, dass sie während ihres Jahres im Gefängnis von einem drittklassigen Sänger ersetzt wurde und ihren Job als Frontfrau der hauseigenen Country-Band auch nicht wiederbekommen wird.

«Wild Rose» ist das neue Werk des Briten Tom Harper, der unter anderem bei der ersten Staffel der erfolgreichen Fernsehserie «Peaky Blinders» Regie führte. «Wild Rose» ist ebenfalls ein Film mit starken Emotionen, der allerdings ohne drastische Bilder auskommt. Vielmehr sind es die Mimik, Körperspannung und nicht zuletzt die atemberaubende Stimme von Hauptdarstellerin Jessie Buckley («Chernobyl»), die unter die Haut gehen.

Die junge Frau mit den Cowgirlstiefeln heißt Rose-Lynn und sie jagt dem Traum einer Karriere als Country-Sängerin im US-amerikanischen Nashville nach. «Ich hätte in Amerika geboren werden sollen, ich bin Amerikanerin», sagt sie in schwerem Glasgower Dialekt, der in der deutschen Synchron-Fassung leider verloren geht, aber auch im Original nur sehr schwer zu verstehen ist. Über ihren Traum scheint Rose-Lynn allerdings alles zu vergessen, sogar ihre beiden kleinen Kinder.

Das achtjährige Mädchen und der fünfjährige Junge werden während ihrer Haftzeit von Großmutter Marion (Julie Walters) betreut, die ihrer Tochter schwere Vorwürfe macht. «Du wirfst sie weg, sobald sich was Besseres bietet.» Eine Beziehung zu ihren Kindern hat Rose-Lynn tatsächlich kaum. Wer der Vater oder die Väter sind, ist unklar.

Sie saß ein, weil sie Heroin über Gefängnismauern warf, nun ist sie zwar frei, aber muss eine Fußfessel tragen. Widerwillig beginnt sie in einem wohlhabenden Haushalt zu putzen. Nachdem sie die Hausbar um einige Schluck Whisky erleichtert hat, arbeitet sie sich singend und tanzend mit dem Staubsauger durch das Anwesen. Ihr Talent wird bald von der wohlmeinenden Hausherrin Susannah (Sophie Okonedo) erkannt, die ein Treffen mit dem BBC-Radiomoderator Bob Harris (spielt sich selbst) einfädelt und ein Fundraising-Konzert in ihrem Garten für Rose-Lynn auf die Beine stellt, um eine Reise nach Nashville zu finanzieren. Doch Susannah ahnt nichts davon, dass Rose-Lynn noch ganz andere Sorgen hat.

«Wild Rose» ist dabei nicht nur eine berührende Liebeserklärung an die Country-Musik. Der Film erforscht auch die Grenze zwischen der Sehnsucht nach Ruhm an einem weit entfernten Ort und der inneren Suche nach sich selbst. Gleichzeitig konfrontiert er das Publikum damit, wie beschränkt unsere Möglichkeiten sein können, positiv auf das Leben anderer einzuwirken, und sei es noch so gut gemeint: Die Country-Party, die Susannah im Garten ihres Anwesens organisiert hat, gerät zum Desaster. Zerrissen zwischen ihrer Mutterpflicht und dem Wunsch, eine tolle Show zu bieten, bringt Rose-Lynn keinen Ton heraus.

Der Film kommt ohne männliche Hauptfigur aus - was nicht einmal besonders auffällt. Getragen wird die Geschichte vielmehr von dem starken Frauen-Trio Buckley, Okonedo und Walters, die in ihren Rolle vollkommen aufzugehen scheinen. Es ist daher nicht nur der musikalische Soundtrack, gesungen von Buckley, der noch lange nachklingt.